Friday, September 8, 2006
Das ist eine Kurzgeschichte, die ich heute mehr oder weniger spontan geschrieben habe. Für Deutsch, denn da müssen wir bald eine Mappe mit einigen Texten abgeben und so.
Die alte Frau ist allein
Ihre Liebsten sind schon lange tot und die Wohnung ist viel zu groß für sie. Darum kann man sie oft stundenlang auf dem kleinen Balkon sitzen sehen, wo sie sitzt und starrt, sitzt und starrt, Stunde um Stunde. Sie streichelt ihr hübsches Kätzchen, und alle die sie sehen können, wundern sich.
Das hübsche Kätzchen springt gerne herum, und die alte Frau schaut ihm gerne dabei zu. Es ist alles was ihr nochgeblieben ist. Wie gut, dass sie ihr hübsches Kätzchen hat!
Wenn die alte Frau nicht auf dem Balkon sitzt, liegt sie in ihrem Bett. Auf dem Nachttisch steht neben dem Bild von ihrem lieben Erwin kein Bild ihrer Kinder. Die Zeitung liegt seit sieben Jahrenauf dem Boden, und das Radio ist verstaubt. Seit sie ihr Kätzchen hat, interessiert sie sich nicht mehr besonders für das Tagesgeschehen.
Sie wäre schon lange ausgedörrt wie die Blumen auf ihrem Balkon, wenn ihr nicht jeden Tag von Schatten, die sie nicht kennt, Essen gebracht würde, obwohl sie nie darum gebeten hatte. Einmal hatte sie einem von ihnen das Kätzchen zeigen wollen, doch es fauchte ihn nur bösartig an, und der Schattenmann sah die Frau verständnislos und mitleidig an.
Das Kätzchen hat ein hübsches, dunkelblau schimmerndes Fell und Augen wie rote Sterne. Die alte Frau hat es noch nie angefaucht oder gebissen. Sie hat es eine Woche nachdem ihr Erwin sie verlassen hat auf dem Balkon gefunden und behalten. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn das kleine Kätzchen nicht da gewesen wäre, sie war dem Wahnsinn nicht nur einmal sehr nahe gewesen und das Leben hatte seine Farben für sie verloren.
Wie gut, dass die alte Frau nicht weiß, dass es nie ein hübsches Kätzchen gegeben hat.
Das Kätzchen ist nicht sehr gesprächig, aber ab und zu redet es mit ihr. Dann macht es den Mund auf und die Sternenaugen funkeln und die alte Frauhört Erwins Stimme und ist glücklich.
Der Mann vom Balkon gegenüber, der manchmal morgens auf dem Balkon zwischen den leeren Flaschen aufwacht, wenn seine Frau ihn wieder ausgeschlossen hat, wundert sich dann immer, warum die alte Frau auf ihrem Balkon sitzt und mit sich selbst spricht.
Manchmal läuft das hübsche Kätzchen weg und die alte Frau sitzt ganz alleine auf dem Balkon, und schaut sich die graue Häuserwand an. Es kommt immer zurück. Wenn es einmal nicht zurückkommen wird, geht die alte Frau ihre Tabletten aus der Nachttischschublade holen.
Die alte Frau ist schon viel zu lange allein
Wie gut, dass sie ihr hübsches Kätzchen hat
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